"Rette sich, wer kann . . ."
Die Prunksitzung vom Hildburghäuser Carnevalverein 1888 e.V. (HCV) hatte am Freitagabend unter dem Motto "Rette sich, wer kann" viele Besucher ins Stadttheater gelockt.
Hildburghausen - Als das Prinzenpaar die große Prunksitzung vom Hildburghäuser Carnevalverein 1888 e.V. (HCV) eröffnete, hatte Deutschland bereits seit neun Stunden keinen Präsidenten mehr. Und (noch) kein Nachfolger in Sicht. Anders beim HCV. Auch da war der Präsident zurückgetreten. Einfach so, ohne dass ihm Verfehlungen oder Vorteilsnahme im Amt vorgeworfen worden sind. Bernd Walter und Bernd Vogel, beide seit 33 Jahren Mitglied im HCV, hatten ihren Stuhl freigemacht, weil sie fanden, dass es an der Zeit sei für einen Generationswechsel beim HCV.
(Gardinen-)Predigt
Die Suche nach einem neuen Präsidenten beim HCV gestaltete sich unproblematisch. Silvio Bastigkeit ist der Neue. Er trug am Freitag zum ersten Mal in seiner Amtszeit für eine Prunksitzung die Verantwortung.
Doch ein Neuling ist Silvio Bastigkeit nicht, schließlich gehört er dem HCV auch schon seit fünfzehn Jahren an. Und so ist er im Präsidentenamt sicher kein "Lernender", wie es der letzte Bundespräsident von sich behauptet hatte. Was nicht heißen soll, dass man nicht immer noch etwas dazu lernen kann. Zum Glück für Bastigkeit sind - trotz Generationswechsel - nicht nur Neue im Verein, er kann also weiterhin auf die "alten Hasen" zurückgreifen, die seit vielen Jahren das Niveau beim HCV bestimmt haben. Allen voran Bernd Walter, der als Till und vor allem als Protokollant dem Verein das gegeben hat - und zum Glück immer noch gibt -, was Karneval neben aller Show eigentlich ausmacht: Mit wachem Auge die Welt, die kleine und die große, beobachten und mit scharfer Zunge seine Kommentare dazu geben. Der Till als Narr darf Dinge sagen, die kein anderer sich trauen kann. Und auch dem Protokollanten steht es zu, die Zeichen der Zeit zu erkennen und zu "protokollieren", will heißen anzuprangern. Was Bernd Walter zur Freude der vielen Besucher tat.
Nicht als Stadtschreiber wie so oft zuvor, sondern als Pater ist er diesmal in die Bütt gestiegen. Doch seine (Gardinen-)Predigt dürften sich viele nicht gerade gern hinter den Spiegel gesteckt haben. Landrat Thomas Müller (der im Publikum saß) und Kreisstadtbürgermeister Steffen Harzer (der sich durch seinen Beigeordneten Holger Obst vertreten ließ) waren die ersten, die der Pater in seiner Predigt bedachte. Gab es vorher eigentlich schon andere? Die Frage hatte ein Gymnasiast dem Pater so beantwortet: "Wieso? Ich dachte, die sind auf Lebenszeit gewählt!" Alle Hildburghäuser standen hinter Harzer, als dieser sich um den Landesvorsitz der Linken beworben hatte, so Bernd Walter, " . . . jedoch wir dürfen ihn behalten (müssen)." Gibt es eigentlich Kandidaten für die Landratswahl in diesem Jahr? "Doch, doch", so der Pater, "da tritt ein ehemaliger Berufsschullehrer gegen den ehemaligen Bürgermeister von Schönbrunn an! Das wird sicher ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen!"
Doch auch die "zweite Reihe" bekam ihr Fett weg. Unter das Motto "Zeit und Glaube" hatte der Pater seine Predigt gestellt. "Wenn Sie genau hinschauen, dann werden Sie merken, dass in dem Wort 'Glaube' das Wort 'Laube' steckt!" Stoff für Satire pur hatte die Stadträtin in jüngster Zeit genügend geliefert.
Über die 500 000 Euro, die der Stadtkasse fehlen, philosophierte der Pater: "Die hat doch niemand geklaut, die sind wohl erwartet worden und dann nicht gekommen. Doch wenn ich meine Schwiegermutter erwarte und die dann nicht kommt, dann fehlt die mir doch auch nicht!" Dass der "Obstler", der den Bürgermeister vertrat, als "Bettelmönch" zur Prunksitzung gekommen war - ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Ob es die steigenden Friedhofsgebühren sind ("Wer auf den Friedhof geht, spart ja zu Hause die Heizkosten!") oder die Unterstützung der Linken für die Landwirte ("Die sollen jetzt wieder Hanf anbauen dürfen, weil Cannabis frei gegeben werden soll!"), die Bautätigkeit am Bachplatz ("Was entsteht hier eigentlich? Eine Vorverkaufsstelle für Theaterkarten? Oder ein beheiztes Schwimmbad?") - eine lange Liste hatte der Pater-Stadtschreiber zusammengetragen.
Tänzerisches
Er bot in seiner Bütt einen willkommenen Gegenpol zu den vielen Showeinlagen der Tänzerinnen und Tänzer des Vereins. Blaue Garde und Rote Garde, Gardemädchen, Frauentanzgruppe und Männerballett- der HCV ist reich gesegnet. Und dann haben sie sich noch Gäste eingeladen, die nicht in die Bütt stiegen, sondern ebenfalls ausschließlich tanzten. Dennoch begeisterten die Gäste: Lina Rauch, das Tanzmariechen vom Karnevalsverein Slusia aus dem benachbarten Schleusingen, gerade mal sieben Jahre alt, genauso wie die Gemischte Garde vom Karnevalsverein aus Gleichamberg.
Sketche und (Gesangs-)Parodien, ein musikalisches Interview mit der Prinzessin und ein Safari-Trip eines Neureichen. Orientalisches Flair holten auch die tanzenden Frauen des Vereins ins Foyer des Stadttheaters, ehe die Männer zum krönenden Abschluss im Tütü und mit Spitzenschuhen das Parkett betraten. Bis gegen Mitternacht dauerte das Programm, ehe die "Flamingos" zum Faschingstanz aufspielten.
aktualisiert von Holger Nehls, 20.02.2012, 12:28 Uhr |