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13.07.2010, 00:00 Uhr | Freies Wort - Ressort Hildburghausen Lokal - Von Waltraud Nagel Übersicht | Drucken
Bach-Platz
Dreckloch oder Zentrumsmagnet


Der Raum in der "Goldbach-Aue" reichte kaum aus. Immer wieder mussten Stühle herbeigeschafft werden, dass alle Platz fanden, denen die Zukunft des Bach-Platzes am Herzen liegt. Wie die aussehen soll, daran schieden sich jedoch schon bald die Geister.


Hildburghausen - Der Raum in der "Goldbach-Aue" reichte kaum aus. Immer wieder mussten Stühle herbeigeschafft werden, dass alle Platz fanden, denen die Zukunft des Bach-Platzes am Herzen liegt. Wie die aussehen soll, daran schieden sich jedoch schon bald die Geister.

Einführend sprach Michael Römhild, der Leiter des Stadtmuseums, zur Geschichte des Schlosses. Die beiden heute noch vorhandenen Schlusssteine wurden 1685 gelegt. Er erwähnte auch den Altan, der in diesem Fall kein Balkon, sondern einfach ein erhöhter Ausblick mit Sichtachse zum Luisendenkmal war. Unter dem Altan sei möglicherweise noch eine Art Grotte.
 
Schon 1826 hat jedoch der letzte Herzog das Schloss verlassen. Seitdem hatte es verschiedenste Nutzungen - als Gerichtssaal, Kaserne, Chemiefabrik, Stadtmuseum, um nur einige zu nennen. Im April 1945 von Amerikanern beschossen brannte es völlig aus und wurde wenig später abgerissen. Unter dem heutigen "tiefergelegten Parkplatz" ist lediglich noch der Schlosskeller vorhanden, zu DDR-Zeiten eine beliebte Gaststätte, war Römhilds Ausführungen zu entnehmen. Heimatforscher Karl-Heinz Ross ergänzte die Darlegungen zur Historie noch und stellte dabei insbesondere den Altan als erhaltenswert heraus. Er sei weit mehr als ein Erdhügel. Er präge die Ansicht der Stadt seit Jahrhunderten, so Ross.

Bürgermeister Steffen Harzer plädierte indes dafür, das Projekt von Investor Lickert zu unterstützen. "Wir sind jetzt so weit, wie noch mit keinem anderen Investor vorher", sagte er. Lickert sei der Stadt weit entgegengekommen, doch auch die Stadt müsse an dieser Stelle Zugeständnisse machen. Die heißen im Klartext: Verzicht auf den Schlosskeller und den "Altan". Dafür aber ein Luisen- oder Charlottenblick von einem nicht minder attraktiven Standort aus. Dafür bekomme Hildburghausen einen Magnet für die Stadt. "Wir müssen attraktiver werden als Einkaufsstadt, sonst schließen die Geschäfte rund um den Markt alle in ein paar Jahren zu", so Harzer.

Dann gab sich Investor Lickert alle Mühe zu erklären, warum die Stadt die eine oder andere Kröte schlucken müsse, aber dafür mit dem neuen Einkaufszentrum eine Verjüngung erfahre.

In 35 Jahren als Investor und Bauträger habe er viel Erfahrung gesammelt, auch im Umgang mit Denkmalschutz: "Das Problem hier ist nur: Das Schloss ist nicht mehr da!" Er sei gern bereit, da wo es möglich ist, historische Bausubstanz zu erhalten. Er versprach die beiden historischen Schlusssteine in geeigneter Weise in den Neubau zu integrieren. Der Gewölbekeller müsse jedoch weg, weil sonst der Platz für Supermarkt und Parkplätze nicht reiche. Der Supermarkt sei aber der "Anker-Mieter" für alles andere. Mit einem Supermarkt als Frequenzbringer mieten sich auch andere Geschäfte ein. "Vielleicht können wir mit unserer Investition eine kettenartige Entwicklung gerade noch stoppen: Sinkende Bevölkerungszahlen, weniger Kunden in den Geschäften, damit weniger Geschäfte und wiederum weniger Leute in der Stadt", so der Investor aus Karlsruhe auch im Hinblick auf den Bevölkerungsschwund.
 
Das Objekt Bach-Platz sei bundesweit bekannt, werde angeboten wie Sauerbier. Keiner seiner Vorgänger habe auch nur je einen Mietvertrag für sein Projekt vorweisen können. Er könne das und haben neben Rewe wahrscheinlich auch noch einen Elektromarkt interessieren können. Der wiederum dürfte das neue Einkaufszentrum insbesondere für junge Leute attraktiv machen, die sonst nach Suhl oder Coburg fahren würden. "Es ist Ihre einzige Chance. Sonst wird der Parkplatz vielleicht eines Tages auch nicht mehr gebraucht", so der Investor aus Karlsruhe.

Ungeduldig hatten die Zuhörer schon gedrängt, endlich mit der Diskussion zu beginnen. Als erster äußerte Karl-Heinz Roß noch mal sein Unverständnis, dass der Altan nicht erhalten werden könne. In Projekten anderer Investoren sei das möglich gewesen.

Stadträtin Sabine Laube legte gleich einen eigenen Entwurf auf den Tisch. Ihrer Auffassung nach müsse man ja nicht alle drei Flügel des früheren Schlosses in den Neubau aufnehmen, ohne Ostflügel gehe es auch. Saal, Jugendherberge, Schlosskeller, Hotel, ein paar kleine Geschäfte, wo man Oliven oder gutes Geschirr kaufen könne - ohne Supermarkt. So schwebt es Sabine Laube vor. Und auch von einem Förderpreis sprach sie. Da könne man über drei Jahre jeweils 10 000 Euro für Denkmalschutz bekommen. Sicher lasse sich hier zusammen mit Stadt und Investor etwas machen.

Lickert geht davon aus, dass sein Projekt etwa sechs Millionen Euro kosten wird, wie er im März gegenüber Freies Wort äußerte. Das muss sich refinanzieren. "Eine Handelsimmobilie muss sich in etwa 20 Jahren zurückverdient haben", sagte er in der Goldbach-Aue. Damit das aber funktioniere, müsse die richtige Mischung von Mietern drin sein.

Ein Einkaufsmarkt sei das eine, Kultur das andere. Ein Saal sei wichtig für die Stadt, so Stadtrat Frank-Michael Czapla. Und ein dritter Bauabschnitt am Theater koste auch Geld. Da sei zu überlegen, ob nicht lieber in das Bach-Platz-Projekt ein Saal reinkomme, den die Stadt dann anmiete.

"Kein Problem", so Lickert. Wenn die Stadt mit ihm einen Mietvertrag über 15 bis 20 Jahre abschließe, könne er in der ersten Etage des Neubaus auch einen Saal integrieren. Zum Mietpreis konnte er allerdings keine Angaben machen. Das komme ganz auf die Ausstattung an. Czapla erbat sich bis zur nächsten Stadtratssitzung einige Angaben dazu als Diskussionsgrundlage.

Es freue ihn, dass sich so viele Gedanken um die Bebauung und die Nutzung machen, sagte Lickert, musste aber Sabine Laube doch sagen: "Sie sehen das einfach zu sehr durch die rosa Brille !" Dem Hinweise mit der Jugendherberge wolle er jedoch prüfen. Wenn das Deutsche Jugendherbergswerk bereit sei, einen langfristigen Mietvertrag abzuschließen, könne er selbstverständlich auch eine Jugendherberge einrichten. Die Nutzung der Räumlichkeiten in der ersten Etage ist noch weitgehend offen. Das könnten sowohl Wohnungen oder Büros als auch etwas ganz anderes sein. Auf ein Hotel hoffe er allerdings kaum noch. Er habe alle Hotel-Betreiber angeschrieben, es gebe keinerlei Interesse.

Schließlich fand sich auch eine Hildburghäuserin, die das Lickertsche Vorhaben aus vollem Herzen unterstützte. Sie verstehe zwar die Einwände der Historiker. "Aber von dem Schloss steht nichts mehr. Ich bin jetzt 40 Jahre. Und mir bedeutet das Schloss nichts. Ich sehe dort nur ein Dreckloch. Und wenn nicht gerade Markttag ist, ist die Stadt tot. Das könnte sich mit solch einem Einkaufszentrum ändern. Mir gefällt's!", sagte sie, als die Diskussion das Projekt schon fast zu zerreden schien.

Burkhard Knittel, für die Feuerwehr im Stadtrat, stimmte beim Stammtisch der Freien Wähler entgegen seinen sonstigen Gepflogenheiten der Argumentation des Bürgermeisters zu. "Was wollen wir denn auf dem Bach-Platz? Eine Grube oder ein Objekt, das Leute in die Stadt zieht?", fragte er. Knittel sieht in den Plänen zur Bebauung des Bach-Platzes eine "zukunftsträchtige" Geschichte. Was solle da die Diskussion um den Altan? "So viel ich weiß, genießen jetzt nicht viele Leute zwischen den Autos vor dem rostigen Geländer den Blick auf dieses Denkmal." Und was solle ein Saal mit 500 Plätzen, wenn nicht mal die 400 Sitze im Theater besetzt würden?

Waltraud Lange, Stadträtin der Freien Wähler, meinte jedoch, so ein Saal zum Tanzen oder für Abi-Bälle sei dringend nötig.

Brigitte Wütscher, Stadträtin der CDU, zeigte sich enttäuscht, dass die Toleranzschwelle für Neues bei einigen so niedrig sei. Sie finde das
Projekt des Investors gut und verstehe, dass sich so was auch rechnen müsse. "Wir brauchen etwas Zukunftsweisendes, von der Vergangenheit können unsere Kinder und Enkelkinder nicht leben", so Wütscher. Was erhalten werden kann, sollte in den Neubau integriert werden. Da, wo es nicht möglich sei, müsse eben in den sauren Apfel gebissen werden. "Wir bekommen doch auch was dafür!"

 



aktualisiert von Holger Nehls, 15.07.2010, 11:01 Uhr

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